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Auf den ersten Blick erinnert das Ambiente an eine Junggesellen-WG. Das abgewetzte Sofa und der kleine Beistelltisch stehen mit Blickrichtung Fernseher. Hinter dem Sofa ein Bananenkarton, dessen Inhalt verdächtig nach >>Streifzug durch den elterlichen Vorratskeller<< aussieht: Nudeln, Schokolade, Kekse. Auf dem größeren Tisch am Fenster liegt ein aufgeschlagenes Nachrichtenmagazin. Daneben eine 1,5 Liter-Wasserflasche. Nur die Langlaufschuhe, die Trainingshosen, Handschuhe und Skistöcke, die kreuz und quer über den Stühlen liegen, wollen nicht so richtig ins klassische WG-Bild passen. Hier, in einem der Blechcontainer, die während des Weltcups als Wachskabinen genutzt werden, haben es sich die jungen Biathleten gemütlich gemacht. Hier verbringen sie die wenige freie Zeit, die ihnen im Laufe eines Trainingstages bleibt. Doch Freizeit hin Freizeit her – in den 12 Quadratmeter großen Einheiten dreht sich natürlich alles ums Biathlon. Fast alles! Ein Gespräch mit Juniorenweltmeister Andreas Birnbacher. Ende November hat für die meisten Hobbysportler der Winter noch gar nicht richtig begonnen. Als Profi hat man zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon wieder Sommergelüste?
Im Gegenteil, nach dem vielen Rollertraining freue ich mich eigentlich jeden Tag, dass ich wieder auf Schnee trainieren kann. Außerdem: So lange stehen wir ja noch gar nicht auf Ski. Das erste Schneetraining hatten wir im Oktober am Dachstein. Dann ging`s für drei Wochen zur Vorbereitung nach Kiruna. Wenn man vergleicht, wie viel wir das Jahr über auf Asphalt trainieren ist das noch gar nichts.
Das heißt, als eingefleischter Wintersportler zieht`s Dich auch im Sommer eher in Richtung Norden?
Natürlich mag ich Schnee und Eis. Aber, dass ich in den Sommerferien auch noch in die Kälte fahre – soweit reicht meine Liebe zum Winter dann doch nicht. Im Sommer mag ich es schon richtig warm.Diesmal ist der Urlaub allerdings komplett ausgefallen. Denn nach der Wettkampfsaison musste ich gleich einen Lehrgang bei der Bundeswehr absolvieren. Die eine Woche, in der ich Zeit gehabt hätte, konnte von meinen Freunden niemand mitfahren. Also bin ich zu Hause geblieben. Und dann ging`s schon wieder voll los. Hört sich stressig an. Hast Du in den letzten Jahren, seitdem Du Leistungssportler bist, nicht etwas vermisst?
Nein überhaupt nicht. Ich finde sogar, dass ich durch den Leistungssport eine bessere Jugend gehabt habe als viele andere. Und dass ich nicht jedes Wochenende in der Disco sein kann, um mir einen anzusaufen – das geht mir wirklich nicht ab. Ich habe schon meinen Spaß und ich gehe am Wochenende oder unter der Woche natürlich auch mal aus. Aber halt nicht so lange. Nur wenn die Lehrgänge über zwei Wochen dauern, wird`s langsam kritisch. Dann freue ich mich schon auf zu Hause, dann vermisse ich meine Freunde.
Immer nur Laufen, Schießen, Laufen, Schießen – wird das auf die Dauer nicht langweilig?
So monoton trainiere ich ja Gott sei Dank nicht. Vor allem was die Allgemein-Athletik betrifft, achte ich darauf, dass ich möglichst abwechslungsreich trainiere. Das heißt: Ich steh im Sommer nicht nur auf Rollerski, sondern gehe viel zum Joggen, fahr Kajak oder Rad. Von daher wird`s mir beim Sport nie langweilig. Außerdem bin ich öfter mit Kumpels und Freunden unterwegs, die einfach aus Spaß an der Freud Sport betreiben. Und manchmal wird so eine Trainingseinheit sogar zum Familienausflug. Meine Onkels oder mein Vater sind alle recht sportlich. Mit denen lässt sich wirklich gut trainieren. Das ist mir auch wichtig. Denn als Einzelgänger würde ich mich jetzt nicht gerade bezeichnen.
Dabei haben Biathleten und Langläufer nicht unbedingt den Ruf, besonders gesellig zu sein.
Stimmt aber nicht. Als Einzelgänger hast du es meiner Meinung nach im Biathlon schwer. Du kannst dir ja am Schießstand schlecht aus dem Weg gehen. Spätestens dort trifft man sich nach jeder Runde wieder. Das ist vielleicht der Unterschied zum Langlauf. Die sind die überwiegende Zeit allein unterwegs. Beim Langlauf sind Einzelgänger vielleicht sogar im Vorteil. Beim Biathlon allerdings ist der Teamgedanke meiner Meinung nach viel ausgeprägter. In unserer Trainingsgruppe haben wir jedenfalls immer eine ziemliche Gaudi.
Mit Ricco Groß trainiert in Eurer Gruppe ein absoluter Weltklassemann. Holst Du Dir von ihm den einen oder anderen Tipp? Oder bist du mit Deinen JWM-Titeln schon selbst so etwas wie ein Vorbild für Deine Trainingskollegen?
Also, das kann ich mir jetzt überhaupt nicht vorstellen. Ich glaube, wenn überhaupt dann orientieren sich doch die meisten am Ricco. Klar, tauscht man sich hin und wieder aus. Aber das ist völlig unabhängig von irgendwelchen Erfolgen. Recht viele Ratschläge kann man sich sowieso nicht holen. Man schaut sich mal ein bisschen was ab, unterhält sich über das Material, aber ansonsten muss jeder selbst wissen, was gut für ihn ist.
Liest Du Fachliteratur und beschäftigst Dich mit Trainingswissenschaften?
Lesen weniger – das ist mir zu theoretisch. Meistens probiere ich einfach mal etwas aus. Klar, über die wichtigsten Grundlagen weiß ich schon Bescheid. Aber letztendlich ist jeder Sportler ein Individuum. Entsprechend unterschiedlich sind die verschiedenen Trainingsmethoden. In Patentrezept gibt es da eh nicht. Ich mache viel aus dem Bauch raus. Wenn ich zum Beispiel selbst zu Hause trainiere, weiß ich manchmal eine Stunde vorher noch nicht genau, was ich am Nachmittag mache. Teilweise überlege ich dann über eine halbe Stunde und höre in mich rein, bevor ich mich für etwas entscheide. Ich finde das absolut wichtig, dass man auf seinen Körper hört und nicht stur nach Plan X trainiert. Das habe ich von Fritz Fischer gelernt. Klar, wenn ich loslaufe, weiß ich natürlich schon, was auf dem Programm steht. Aber wenn`s mir richtig gut geht, kann es schon sein, dass ich etwas schärfer trainiere als eigentlich ursprünglich geplant.
Wie sieht ein normaler Trainingstag, eine normale Trainingswoche aus?
Meistens stehe ich um 7 Uhr auf. Dann gibt`s Frühstück. Im Sommer geht`s dann um 8.30 Uhr zum Training. Jetzt, im Winter, wenn`s kalt ist, erst um 9.00 Uhr. Um 12.00 Uhr machen wir Mittagspause. Meistens bleiben wir hier im Container und kochen uns etwas gemeinsam.
Wer ist der beste Koch?
Oje, so richtig kann`s eigentlich keiner. Aber man kann`s schon essen. Meistens gibt es eh Nudeln oder Reis. Da lässt sich nicht soviel falsch machen.
Nichts Vorgekochtes von Mutti?
Nein, aber gute Idee – könnte ich eigentlich mal einführen.
Und am Nachmittag geht`s weiter?
Nicht sofort. Erst legen wir uns noch eine Stunde hin. Hier im Container hat ja jeder sein eigenes Bett. Ab drei sind wir dann noch einmal für zwei bis drei Stunden draußen – kommt darauf an, was auf dem Programm steht. Und zweimal in der Woche, gehe ich abends noch in die Sauna. Am Freitag bin ich dann meistens ziemlich kaputt. Da freue ich mich schon auf`s Wochenende. Samstags steht meistens noch eine lockere Einheit auf dem Programm. Und am Sonntag ist frei.
Zeit, dem lieben Gott in der Kirche Danke zu sagen.
Genau, da gibt`s sozusagen keine Ausrede mehr. Im Ernst, ich glaube schon an den lieben Gott. Und es kommt schon vor, dass ich vor einem Rennen oder dem letzten Schießen kurz ein paar Sätze >>nach oben<< schicke.
Bist Du vor einem Rennen nervös?
Vor wichtigen Wettkämpfen kann es schon mal sein, dass ich schlecht schlafe. Aber grundsätzlich habe ich eigentlich keine Probleme damit. Logisch, eine gewisse Nervosität, eine gewisse Anspannung ist vor wichtigen Rennen schon zu spüren. Da ist natürlich jeder aufgeregt und denkt an den nächsten Tag. Andrerseits: allzu viel über einen Wettbewerb nachgrübeln, bringt auch nichts. Im Biathlon heiß es immer: Wer denkt, verliert. Vor allem beim Schießen wäre es eigentlich das Beste, sein Hirn auszuschalten. Aber das gelingt nicht immer.
Welche Rolle spielt Biathlon in der Familie Birnbacher?
Mein Vater ist mir auch bei sportlichen Fragen sehr wichtig. Er hat zwar nie selber Biathlon betrieben, aber mittlerweile kennt er sich wirklich ziemlich gut aus. Er hilft mir bei der Skiauswahl und unterstützt mich aus sonst, wo es nur geht. Das gilt auch für meine Mutter. Mein kleiner Bruder ist erst zwei Jahre alt. Von daher hält sich der Meinungsaustausch mit ihm noch in Grenzen. Obwohl - >>Skifahren, Andi, Peng-Bumm!<< - kriegt er schon raus.
Dein erstes Jahr bei den Herren ist gleichzeitig bereits Dein sechstes Jahr als Leistungssportler. Lässt sich mit den Erfahrungen der letzten Jahre schon eine Vorhersage für die kommende Saison treffen?
Natürlich weiß ich, dass ich gut trainiert habe, fühle dass ich ganz gut drauf bin. Außerdem habe ich im Training ständig den Vergleich mit den Mannschaftskollegen. Wettkampf ist allerdings immer etwas anderes. Und im Schießen kann man es halt überhaupt nicht sagen. Dort spielen zuviele Faktoren eine Rolle. Läuferisch weiß ich schon ungefähr wo ich stehe. Wichtig wird sein, wie die ersten Europacups laufen. In meinem ersten Herren-Jahr werde ich aber wohl noch nicht die ganz großen Dinger reißen…
Nicht so bescheiden. Bis jetzt ging es doch nur aufwärts.
Eigentlich schon. Sieht man einmal von meiner zweiten Saison ab. Damals war ein richtig schlechter Winter mit nur zwei Wettbewerben und es lief überhaupt nicht. Die Konsequenz war, dass ich vorübergehend aus dem D/C-Kader geflogen bin. Besonders runter gezogen hat mich das aber nicht: Ich habe ja gewusst, dass ich mich wieder fangen werde. Ans Aufhören dachte ich keine Sekunde lang.
Aber es gibt doch sicher Tage, an denen man am liebsten alles hinwerfen möchte?
Solche Tage gibt es öfter im Jahr. Vor allem, wenn`s mal wieder ein richtiges Scheißwetter ist. Aber der Frust hält nie besonders lange an. In einem solchen Fall denke ich einfach an mein nächstes großes Ziel und dann geht`s wieder.
Wie lange hältst Du es überhaupt ohne Sport aus?
Andreas Birnbacher: Also ganz ohne Sport geht es nicht. Letztes Jahr war ich für zwei Wochen auf Mallorca im Urlaub. Aber da bin ich dann auch noch 1.000 Kilometer mit dem Rad gefahren. Natürlich gibt es unmittelbar nach der Saison eine Zeit, in der ich dann fast überhaupt nichts mache. Eine Woche oder so. Länger allerdings auf gar keinen Fall. Ich war und bin so ziemlich in jedem Sportclub Mitglied, den es bei uns in Schleching gibt: Fußball, Tennis, Kajak, und Skifahren. Nur mit Golf kann ich – zurzeit jedenfalls – nichts viel anfangen. Meine Freundin spielt zwar Golf. Und auch der Fritz will mich die ganze Zeit dazu überreden, aber das ist mir etwas zu langweilig. Dann schon lieber Fischen.
Fischen?
Genau. Das ist echt eine große Leidenschaft von mir.
Stefan Schwarzbach, DSV-Pressesprecher, Biathlon Redakteur bei Aktiv-Sportmagazin und www.ski-online.de
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